Eins Live Interview mit Amy Lee
Seit ihrem Debüt “Fallen”, das sich über acht Millionen Mal verkaufte, gilt Amy Lee als neue Queen des Gothic-Rock. Doch im wahren Leben wird die Evanescence-Sängerin kaum erkannt. Kein Wunder bei Pferdezopf, schwarzen Leggings, Jeans-Rock, Schlabber-Shirt und null Make Up. Da ist ihr zweites Album “The Open Door” weitaus spannender …
Eins Live: Du siehst ja geradezu erschreckend aus. Bist du gar nicht die dunkle, düstere Person, für die dich jeder hält?
Amy Lee: Nicht wirklich. (lacht) Aber ich habe in meinem Leben eine Menge Mist erlebt. Und darüber schreibe ich Songs. Eben, um mich zu befreien. Musik ist also eine Art Therapie für mich. Und als die neuen Stücke entstanden, habe ich gerade wieder eine Phase durchgemacht, in der ich sehr gelitten habe. Da kommen diese Sachen halt zum Vorschein. Danach fühle ich mich aber gleich viel besser.
Eins Live: Demnach ist dein Image als Gothic Queen ein großes Missverständnis, über das du nur lachen kannst?
Amy Lee: Klar, weil ich keine Gothic Queen bin, sondern eine ganz normale Person. Ich weiß nicht, ob du unsere DVD gesehen hast. Aber da sind wir ganz normale Kids, die einfach nur ihren Spaß haben – und jede Menge Blödsinn machen. Das ist Rock’n'Roll. Wahrscheinlich habe ich dieses Image nur, weil mich die Leute ganz anders sehen als ich mich selbst. Ich bin eigentlich eine ziemliche Knalltüte.
Eins Live: Aber du wohnst sehr Gothic-like …
Amy Lee: Stimmt! Ich lebe in einem Apartment, das der absolute Hammer ist. Es ist eine alte Kirche, sehr gothic und wie für mich geschaffen. Sie haben das Gebäude komplett renoviert und daraus coole Apartments mit Kristallglas und Stuckdecken aus dem 19. Jahrhundert gemacht. Jetzt habe ich mein Klavier, meinen Kronleuchter und mein Gothic-Apartment. Ich stehe auf diesen viktorianischen Stil – den mag ich am liebsten.
Eins Live: Wie gehst du mit deiner Popularität um? Wirst du nicht ständig und überall angesprochen?
Amy Lee: Überhaupt nicht. Es ist witzig, meistens erkennen mich die Leute nur, wenn ich in anderen Ländern unterwegs bin. Wenn ich hier bin, werde ich nicht sehr oft angesprochen – also höchstens einmal am Tag. Ich lebe in New York, und wenn ich auf die Straße gehe, binde ich mir das Haar zusammen und trage ganz normale Klamotten. Ich verzichte also auf gestreifte Strumpfhosen und schwarzen Kajal – das macht den Unterschied. Es ist toll, einfach so auf die Straße gehen zu können und sich unter die Leute zu mischen. Da habe ich keine Probleme. Ich glaube, zum Teil liegt es daran, dass die Rockwelt generell weniger Aufmerksamkeit erregt als die Popwelt. Es zahlt sich also aus, wenn man nicht auf den Titelblättern vom People Magazine oder von US Weekly auftaucht.
Eins Live: Trotzdem hat sich dein Leben in den letzten Jahren extrem verändert. Wie wirkt sich das auf deine Persönlichkeit aus?
Amy Lee: Es ist schon witzig, wenn ich mir unsere letzte Platte anhöre. Ich liebe sie, und ich werde sie immer lieben; es ist unser erstes Album, und wir haben da eine Menge Arbeit rein gesteckt. Aber vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, wirkt es auf mich sehr unreif. Eben, als ob ich mich zurückhalten musste und nicht sagen durfte, was ich wirklich ausdrücken wollte. Als ob ich Angst gehabt hätte, die Dinge so anzusprechen, wie ich das jetzt tue. Etwa in der ersten Single “Call Me When You’re Sober”, die ja nun wirklich nicht fehl interpretiert werden kann. Diese Offenheit macht mir Spaß, und deshalb kichere ich am Ende. Nicht, weil es besonders lustig ist, also im Sinne von “hi,hi”, sondern im Sinne von: “Ich kann es nicht fassen, dass ich das gerade wirklich getan habe.”
Eins Live: Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, den Nachfolger zu einem derart erfolgreichen Werk wie “Fallen” aufzunehmen?
Amy Lee: Der Druck bestand eigentlich nur darin, das neue Album möglichst schnell abzuliefern. Es ging weniger um den Erfolg an sich. Ich freue mich zwar über unsere Bekanntheit, aber Erfolg ist für mich nicht von irgendwelchen Verkaufszahlen abhängig. Es geht eher darum, ob ich die Musik mag und wie gut mir persönlich ein Album gefällt. Und ich liebe meine Musik und unsere neue Platte. Aber wenn wir sie so schnell produziert hätten, wie die Leute es von uns verlangt haben – und dieser Druck wurde definitiv auf uns ausgeübt – wäre sie längst nicht gut geworden. Daher denke ich, dass es die richtige Entscheidung war, uns Zeit zu lassen.
Eins Live: Mal ehrlich: Ist “Fallen” überhaupt zu toppen?
Amy Lee: Grundsätzlich ist nichts unmöglich. Aber wenn ich “Fallen” kommerziell übertreffen wollte, müsste ich gezielt Dinge tun, die ich nicht will. Vielleicht hätte ich die Songs dann etwas poppiger anlegen oder zumindest ein paar Balladen schreiben müssen, um mehr Airplay zu bekommen. Das Problem ist, dass ich eigentlich gar nicht so richtig weiß, worauf die Leute heutzutage stehen. Also habe ich mich an das gehalten, was ich selbst an unserer Musik liebe.
Eins Live: Hast du dich nie gefragt, warum euer erstes Album so erfolgreich war?
Amy Lee: Nein, und ich weiß es wirklich nicht. Ich stelle mir nur gerne vor, dass sich die Leute nach etwas Authentischem sehnen, was direkt aus dem Herzen kommt. Denn zu der Zeit, als “Fallen” veröffentlicht wurde, gab es viel von diesem gleichförmigen, überproduzierten Mist von irgendwelchen Casting-Acts. Und auch der Großteil der heutigen Musik hat kein Herz und keine Seele. Die Kids fragen sich doch nur noch: “Wie werde ich ein Star? Was muss ich tun, um dein Lieblingskünstler oder deine Lieblingsband zu sein?” Dabei sollten sie sich lieber Gedanken machen, ihren eigenen Weg zu gehen und Musik oder Kunst zu machen, die sie auch wirklich fühlen.
Eins Live: Wie lang hat es gedauert, bis du realisiert hast, was mit euch geschieht?
Amy Lee: Am Anfang habe ich nur gehofft, dass die Leute unser Album akzeptieren und mögen. Aber ich habe definitiv nicht mit so einem unglaublichen Erfolg gerechnet – das kann man ja auch nicht. Es lässt sich nicht vorhersagen, was bei den Leuten ankommt. Aber es war eine großartige Sache, denn ich hatte immer das Gefühl, dass es bei uns um die Musik geht – und nicht darum, ein Star zu sein.
Eins Live: Die neue CD trägt den Titel “The Open Door”. Was verbindest du damit?
Amy Lee: Nun, seit “Fallen” ist viel passiert – in meinem eigenen Leben wie innerhalb der Band. Ich bin als Persönlichkeit und als Musiker gereift. Und ich habe gemerkt, dass ich keine Regeln möchte, sondern musikalisch machen will, was mir gefällt. Und dass ich keine Angst haben muss, neue Dinge auszuprobieren. Mit dieser Einstellung sind wir an die Aufnahmen gegangen, nach dem Motto: “Wir können es, und es macht uns Spaß – also lasst es uns einfach tun!” Okay, wir haben jetzt nicht jede verrückte Idee umgesetzt, aber die Türen stehen offen, weil ich die Freiheit habe, zu experimentieren und mich nicht zurückhalten muss.
Eins Live: Ist das die neue, fröhliche, optimistische Amy, die am Ende von “Call Me When You’re Sober” sogar richtig herzhaft lacht?
Amy Lee: (lacht) Der Song ist eher gehässig, also eigentlich das genaue Gegenteil eines fröhlichen Liedes. Ich persönlich fühle mich nach dem Schreiben des neuen Albums aber tatsächlich wesentlich besser. Am Anfang war ich noch die launische Amy, wie immer, wenn ich etwas für Evanescence schreibe. Aber zum Schluss stand ich auf und änderte einfach die Dinge, die mir weh taten. Ich lockerte meine Fesseln und merkte, wie ich aufblühte. Ich fühlte mich gut, statt weiter in Selbstmitleid zu versinken. Also geht es mir als Person besser. Aber das Album an sich ist keine wirklich fröhliche Platte.
Eins Live: Das heißt, es gibt mindestens zwei Amys?
Amy Lee: Wohl eher hundert Amys! (lacht) Nein, ich bin Evanescence; und es ist wie mit allen künstlerischen Dingen: Du kannst niemals alles von dir in ein Portrait packen. Ich habe es zwar versucht und mein Herz offen gelegt, aber ich muss mich wohl damit abfinden, dass mich niemand wirklich kennt. Es sei denn, er ist längere Zeit mit mir zusammen.
Eins Live: Inwieweit unterscheiden sich die neuen Songs von denen auf “Fallen”? Sie sind noch eine Spur bombastischer, oder?
Amy Lee: Vielen Dank. Das fasse ich als Kompliment auf. “Fallen” war noch sehr in ein Struktur-Korsett gezwängt. Wir waren damals noch junge Songschreiber in der Lernphase und hielten uns allein deshalb an bestimmte Richtlinien. Auf dem neuen Album sind die Songs “freier”. Wir haben sie so geschrieben, weil uns das ein gutes Gefühl gab und nicht, weil wir glaubten, sie so schreiben zu müssen. Zudem denke ich, dass die aktuellen Songs mehr Herz und mehr Seele haben. Es ging nicht darum, ängstlich zu schauen, ob jemand etwas Schlechtes über uns denken könnte, weil die Songs nicht Furcht erregend genug sind. Ich finde, sie sind einfach persönlicher. So, als ob dir jemand etwas ins Ohr flüstert, statt dir direkt ins Gesicht zu schreien.
Eins Live: Und das, obwohl ihr alle Register gezogen habt – mit Chören, epischen Keyboards und Orchester?
Amy Lee: Absolut. Und genau darum geht es: All diese Dinge machen das Album interessanter. Der Chor ist so prall, und das Orchester nimmt einen riesigen Teil unserer Musik ein. Das Mutigste ist aber, dass ich mich mehr für andere Dinge geöffnet habe. Und genau das macht das Album aus. Ich glaube, die Platte als Ganzes ist einfach besser geworden.
Eins Live: Bist du ein großer Fan von klassischer Musik?
Amy Lee: Total!
Eins Live: Angeblich hast du schon mit acht Jahren eine Oper komponiert. Stimmt das?
Amy Lee: Nicht mit acht, aber in der High School. Ich war in einem Chor – um genau zu sein war ich sogar der Leiter. Und im letzten Jahr habe ich einen Song geschrieben, ihn einstudiert und bei der Abschlussfeier aufgeführt. Es war großartig, und ich war sehr stolz auf mich.
Eins Live: Gibt es eine Aufnahme davon?
Amy Lee: Ja, ich habe sie noch irgendwo rumliegen. Ursprünglich wollte ich das Stück noch einmal neu aufnehmen und auf einem unserer Alben verwenden. Es steht aber im Internet. Du musst nur ein bisschen suchen. Der Titel ist “Listen To The Rain”.
Eins Live: Wäre das etwas für die Zukunft – klassische Stücke zu arrangieren?
Amy Lee: Mit Chören zu arbeiten, wäre bestimmt ein Riesenspaß. Aber ich kann ja schon jetzt mit diesen Elementen arbeiten. Von daher muss ich das nicht wirklich auf später verschieben. Evanescence ist ein großer Job mit vielen kleinen Dingen, die dir allein für sich gar nicht ins Auge springen. Es macht Spaß, weil ich ein Rocksongschreiber sein kann, ein Schriftsteller und ein Chorleiter. Ich liebe all diese kleinen Dinge. Manchmal denke ich, dass ich eine Million Jobs in einem habe.
Eins Live: Du hast vorhin von Furcht einflössenden Songs gesprochen – und einige der neuen Stücke würden tatsächlich prima Soundtracks zu Horrorfilmen abgeben.
Amy Lee: Stimmt. Aber ich habe noch nie einen Song über einen Horrorfilm geschrieben und wurde auch von keinem inspiriert. Aber ich mag ein paar dieser Filme. Zumindest alberne Sachen, so B-Movies aus den 80er Jahren. Grundsätzlich schaue ich mir lieber Animationsfilme wie “Adult Swim” an. Das ist eine Sendung, die nachts auf Cartoon Channel läuft. Aber richtige Horrorfilme sind nichts für mich. Klar hatte ich in meiner Jugend eine Phase, wo ich mir so etwas angesehen habe. Aber ich bin einfach zu sensibel, denke dann die ganze Nacht über das Gesehene nach und kriege Alpträume. Ich bin eine Alptraumperson, das war ich immer schon. Ich hatte mein ganzes Leben lang Alpträume …
Eins Live: … in denen du reihenweise Leute umbringst?
Amy Lee: Die hatte ich auch schon. Aber meistens geht es mehr um irgendwelche Ängste, nicht um konkrete Gestalten. Es hat sich aber gebessert, weil ich mich geändert habe und einfach viel besser fühle. Aber als Kind hatte ich häufig solche Alpträume.
Eins Live: Schreibst du sie auf?
Amy Lee: Natürlich! Ich habe Dutzende von Büchern voller Alpträume und Träume. Irgendwas in mir nennt sie “Träume”, doch in Wahrheit sind sie ziemlich abgedreht. John, unser Gitarist, hat auch welche. In dieser Beziehung ticken wir sehr ähnlich. Wir unterhalten uns oft über das Thema.
Eins Live: Zum Abschluss noch die unvermeintliche Frage nach eurem Ex-Gitarristen Ben Moody, der die Band 2003 im Streit verlassen hat. “Call Me When You’re Sober” handelt von ihm, oder?
Amy Lee: Um Gottes willen, nein, es hat überhaupt nichts mit Ben zu tun. Der Song handelt von einem meiner Verflossenen. Mit Ben habe ich nichts mehr zu tun gehabt, seit er die Band verließ.
Eins Live: Wie ist euer gegenwärtiges Verhältnis? Gilt “The Open Door” auch für ihn?
Amy Lee: In der High School waren wir eng befreundet. Aber Dinge ändern sich und Menschen auch, und wir sind definitiv auseinander gewachsen. Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, war, als wir einen Grammy gewonnen haben. Da standen wir zwar gemeinsam auf der Bühne, haben aber kein Wort miteinander gewechselt. Und wir reden auch sonst nicht mehr. Die Beziehung ist endgültig vorbei – aus verschiedenen Gründen. Deswegen ist da auch keine offene Tür.
Eins Live: Wie ist es überhaupt für dich, über Bens Abgang zu sprechen? Schließlich ist das Ganze schon drei Jahre her, aber die Leute fragen sich immer noch: “Schafft sie es auch ohne ihn?”
Amy Lee: Stimmt, das denken viele, und es amüsiert mich. Niemand kennt das neue Material, und genau dieses Thema schwirrt mir seit zwei Jahren im Kopf umher. Deshalb wünsche ich mir wahrscheinlich auch, dass das Zeug endlich veröffentlicht wird. Dann kann ich mich mal über was Anderes unterhalten. Ich denke, unser neues Material ist besser, ist aber halt meine Meinung.
